Frühling II.

Wenige Dinge schaffen es, mich mit so beeindruckender Regelmäßigkeit und Intensität zu erstaunen, wie es der Frühling jedes war aufs neue tut. Als würde ich neu lernen, was es bedeutet, dass diese hoffnungsvollste aller Jahreszeiten anbricht, neu lernen, zu atmen, sehe und spüre ich die Welt mit ganz, ganz neuen Augen, Händen und Füßen.

Ich sitze gerade am Bahnhof in Wiesenau, ein Dorf, in dem ich, wie ich soeben erschrocken feststellte, die meisten Frühlingsanfänge erlebt habe. Vor zwei Jahren begann der Frühling für mich an genau diesem Ort, zusammen mit meinem Mitbewohner- und Blogger Marv. Wir trugen Strohhüte, besaßen seit kurzem beide als erste in unserem Jahrgang einen iPod Touch, machten Fotos von unseren Schatten, tranken Radler und lachten. Vor uns befanden sich, und das wussten wir, ohne es wirklich wissen zu können, zwei wundervolle Wochen voll mit all dem, was wir damals für wichtig hielten und uns heute zurückwünschen.

Heute sitze ich allein hier, und ohne auch nur die geringste Idee zu haben, was der Tag, der dem morgigen folgt, mir bringen könnte, bin ich euphorisch, abenteuerlustig, ja, man könnte sagen: glücklich. Was ist das Besondere am Frühling, dass er mich und jeden, mit dem ich darüber rede, in ein derartiges Hoch versetzt?

Wenn ich an den Frühling denke, dann denke ich an die Vergangenheit und die Zukunft; fast nie ans Hier und Jetzt, und das, obwohl genau jenes doch gerade so wunderschön ist. Ich fange an, zu träumen, von dem, was mir vergangene Frühlinge gebracht haben und was mir zukünftige noch bringen werden. Kanufahrten, zwangsläufig kurze und nichtsdestotrotz intensive Liebeleien, die Gewissheit, dass die Reise an die Ostsee nicht mehr weit ist, mit diesen Menschen, die du so gern hast. Überhaupt ist der Frühling eine sehr sozialisierende Jahreszeit. Es ist, als würde die ganze Welt aus einem Kokon ausbrechen, der da war um die grauen Wintermonate und alles, was mit ihnen zusammenhängt, zu überstehen; es ist, als würden alle ein Vierteljahr lang die Luft angehalten haben und jetzt endlich wieder atmen – können? Die Straßen sind voll mit Menschen, und anders, als sonst, regt mich kein einziger dieser Menschen wirklich auf. Die Welt riecht nach Freude, nach Zusammenhalt, nach Glück und frischer Wäsche.

Aber wisst ihr, was den Frühling für mich wirklich besonders macht? Der Frühling ist so unfassbar vergessend. Es ist, als würde er eine heilende Decke über einen legen, die all das erst verzeiht, dann versteckt und schließlich heilt, was man sich selbst und die kalten Monate einem angetan haben. Besser, als Schokolade es je könnte, klebt er seine Pflaster mit einer Vorsicht auf die wunden Stellen der Vergangenheit. Er wäscht die Seele durch, ganz und gar. Reinigt einen von Grund auf. Man weiß nie genau, was er bringt, nur, dass es gut sein wird. Richtig. Und niemand, und das ist das spannende, weiß, wie er das fertigbringt.

Nicht einmal das Dorf, das ich sonst so sehr hasse, kommt mir heute schlimm vor. Dort hinten kommt mein Zug, fährt in den Bahnhof ein, wie der Frühling in mein Leben. Wir werden sehen, wohin die beiden mich dieses Mal bringen werden.


Sag’ was zum Blog!

Blue Tower.