Erwachsen.

Es gibt diese Worte, mit denen Menschen argumentieren; die sie in ihren Wortschatz aufgenommen haben, selbstverständlicherweise, wie es scheint, deren Eindeutigkeit mir einfach nicht mit der Leichtigkeit zufliegt, wie es bei jenen Menschen zu sein scheint, die entweder wesentlich mehr oder wesentlich weniger über jene Worte sinnierten. Heute geht es um eines dieser Worte.

Ich habe selten einen derart abstrakten Vorgang wie den, den das Erwachsenwerden darstellt, überdacht. Mir missfällt vieles, was mit diesem Begriff einhergeht, oder zumindest vieles von dem, was ich mir bisher darunter vorstellte. Vielleicht ist es auch nur Angst, kein Missfallen. Es geht schon mit dem Wort an sich los – Erwachsenwerden. Ich finde, es sollte einfach nur erwachsen heißen – als Verb. Erwachsen hat etwas majestätisches an sich, es klingt wie ein erhabener Vorgang, nach dessen Abschluss alles besser wird – und wenn nicht, dann zumindest anders. Aber woraus, ja, woraus erwächst man denn eigentlich?

Die Jugend ist eine komische, wunderbare, für mich kaum greifbare Phase im Leben eines Menschen – und das sage ich, noch mitten drinsteckend. Müsste ich meine Jugend beschreiben, würde ich mich schwertun. Sie war und ist geprägt von zumeist wunderbaren Menschen, mit denen ich teile. Wir teilen so viel. Gedanken, Vorlieben, Abneigungen, Entdeckungen und manchmal, und dann macht das Teilen am meisten Spaß, einfach nur Zeit. Meine Jugend wird bestimmt durch eine Stimme, die selten aus meinem Kopf, oft aus meinem Bauch, aber meist aus meinem Herzen kommt. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was genau den Zustand ‘jugendlich’ für mich klassifiziert. Was für eine Ironie, ist doch ein Großteil meiner Jugend hier, auf der Puschkinstrasse, in Worte gebannt.

Wenn ich daran denke, aus diesem Zustand, dieser Einstellung herauszuwachsen, sträubt sich alles in mir. Wirklich alles. Heißt das, dass ich nicht bereit bin, zu erwachsen, oder dass es gar nicht die Jugend ist, aus der man erwächst? Ich bin hilflos überfragt, was das angeht.

Ich habe jetzt eine eigene Wohnung, wasche meine Wäsche allein, sorge dafür, etwas im Magen zu haben, studiere und ab nächstem Monat verdiene ich mein eigenes Geld. Ich fühle mich zwar dem Elternhaus entwachsen, aber ERwachsen? Ich weiß nicht. Was genau macht es denn aus, dieses ominöse Erwachsen? Bedeutet es, an der Kasse mit ‘Herr Miethe’ und ‘sie’ angesprochen zu werden, bedeutet es, dass mir kleine Kinder in der Bahn schon ihren Platz anbieten? Ist es die melancholische Grundstimmung, die sich einstellt, wenn ich an ‘früher’ denke? Meine Eltern sagen, es bedeutet, Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen – noch eine Phrase, mit der ich wenig anfangen kann. Wenn ich Mist baute, dann ist das doch ohnehin immer auf mich zurückgefallen. Oder? Was genau ändert sich daran, wenn ich dann erwachsen bin? Anscheinend können mir auch Erwachsene nicht sagen, was den Prozess ausmacht – oder ich bin noch nicht erwachsen genug, um es zu verstehen. Vielleicht ist es ja gar kein Prozess sondern ein Ereignis, das so abrupt und unvermittelt beginnt und endet wie ein Traum. Ein Knall, von der Decke rieselndes Konfetti, Blasmusik und zack – da steht er: Marco, der Erwachsene. Ein Titel, mit dem ich mich nicht so recht anfreunden kann. Oder möchte?

Seit ich denken kann, versuche ich, mein Leben nach gewissen Prinzipien zu leben: Sei gut zu deiner Familie, denn sie wird immer für dich da sein. Sei gut zu deinen Freunden, denn sie sind Menschen, die deine Seele berühren und formen können, wie niemand anders es kann. Lüge und betrüge nicht, denn es kann nichts dauerhaft Gutes daraus entstehen. Handle moralisch, denn deinem Gewissen kannst du nicht davonlaufen. Hilf, so viel du kannst, denn irgendwann wirst auch du Hilfe brauchen. Teile, so viel und so gut du kannst, denn es kommt zurück. Irgendwann. Bilde dich, denn Freiheit bedeutet in dieser Welt nichts anderes, als kluge Entscheidungen auf Grund fundierten Wissens treffen zu können. Und das letzte, einfachste, schwierigste, vergänglichste und doch währendste Prinzip: liebe. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals aus diesen Statuten zu erwachsen, je wach zu werden den Wunsch zu verspüren, sie über den Haufen zu werfen, je festzustellen: Marco, du hast all das, worauf es ankommt, völlig falsch verstanden. Ich kann mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu wollen. Wenn Erwachsen bedeutet, die heiligen Regeln meiner Jugend, die ich zwar nie perfekt, aber fast immer, so gut ich konnte, gelebt habe, über den Haufen zu werfen, dann will ich nicht erwachsen.

Ganz ehrlich? Vermutlich bedeutet es etwas vollkommen Anderes. Etwas, dessen Trag- und Spannweiten für mich noch nicht klar definiert sind. Etwas Neues.

Eines Tages werde ich mir diesen Text durchlesen und feststellen, dass ich entweder recht hatte oder furchtbar falsch lag, was das Erwachsen angeht. Vielleicht werde ich verstanden haben, vielleicht bin ich aber auch dann noch unwissend, schwimmend in einem Ozean aus Fragen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch den Kern teilen. Und ich wünsche und hoffe, festzustellen, dass sich an meinen Prinzipien nichts geändert hat. Vielleicht werde ich sogar erwachsen sein. Spannend ist nur noch die Frage: woraus eigentlich?


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