Fremdheit.

Mein Leben zieht zur Zeit in ungekanntem Ausmaß seine Bahnen. Ich rede über Dinge, von denen ich vor kurzem noch nichts wusste; Gedanken, die in meinem Kopf fremd waren, fühlen sich dort heimisch. Ich verändere mich, oder mein Leben. Aber wo ist, am Ende des Tages, der Unterschied?

Leute nennen es ”Reife”, ”Verantwortung tragen” oder schlicht ”Erwachsenwerden”. Ich fühle mich nicht reif. Ich habe nicht das Gefühl, Verantwortung zu tragen. Und als allerletztes würde ich daran denken, erwachsen zu werden. Irgendwann? Bestimmt. Jetzt? Ganz sicher nicht.

Es ist Weltschmerz, der sich mit einer mir ungekannten Fremdheit vermischt. Lange Zeit war der Abschied immer morgen, übermorgen oder irgendwann. Ganz langsam, unbemerkt, hat er sich an das Heute geschlichen. Abschied wovon? Ich wünschte, ich wäre in der Lage, diese Frage zu beantworten. Die Antwort ist mir, wie viele Dinge dieser Tage, fremd.

Fremd. Was heißt das eigentlich? Ein sehr wichtiger Mensch hat mir neulich gesagt, dass er das Gefühl hat, sich zu entfremden. Wovon, das ist für uns doch eigentlich irrelevant. Der Prozess als solches ist so spannend – wie entfremdet man sich von etwas? Ist es die neu angeeignete, ernste Art und Weise, sich mit der Zukunft zu beschäftigen, die uns so fremd erscheint? Der oft geprobte und bisher nie durchgezogene finale Abschied? Die Tatsache, dass deine Realität bald nicht mehr die meine sein wird? Ich wünschte, ich könnte mir eine dieser Fragen beantworten. Doch wie sehr ich die Antwort auch in den abgeschiedensten Winkeln meiner Seele suche: sie bleibt mir verwehrt.

Home is, where the heart is. Kann man in seinem eigenen Heim fremd sein? Bisher hielt ich das für unmöglich; die jüngere Vergangenheit zeigt mir doch, dass dem nicht so ist. Meine Heimat wird weit, weit weg sein von meinem Herzen, welches seit vielen, vielen Monaten an der selben Stelle ruht. Das komische daran ist, dass ich dem Ganzen mit einem lachenden und einem bitterlich weinenden Auge entgegensehe. Ich denke, diese zwiegespaltenen Gefühle sind Teil des Gefühls, dass wir Entfremdung nennen, ohne zu wissen, was genau wir eigentlich meinen.

Was also ist, um auf meine Frage vom Anfang zurückzukommen, der Unterschied ob ich mich ändere oder mein Leben? Nun, eine vollkommen befriedigende Antwort habe ich darauf nicht. Aber ich glaube fest daran, dass ich mich selbst, dass der Teil von mir, der mich wirklich ausmacht, und für den ich von dem Ort, an dem mein Herz ruht, geliebt wurde und werde, sich nie ändern wird. Ich werde immer der kleine, verspielte, lächelnde Spinner bleiben, der ich bin, so sehr die Umstände mich auch zu anderer Maskerade zwingen.

Ich habe in diesem Jahr so viel falsch gemacht wie noch nie in meinem Leben. Ich habe Menschen, die ich liebe, ernst und tief verletzt. Mehr, als ich je dachte, mehr, als ich je wollte. Wenn du dich angesprochen fühlst, dann wisse, dass du gemeint bist. Vielleicht, und dieses vielleicht ist eigentlich ein wahrscheinlich, liegt es daran, dass ich mich zur Zeit manchmal fremd in meinem eigenen Kopf fühle. Vielleicht ist das die Buße, die ich tun muss.

Und doch.
Am Ende des Tages ist es ein ungemein tröstlicher Gedanke, dass wir alle atemlos und gedankenversunken in den selben Nachthimmel starren, in jenen, der seit Jahrmillionen auf uns herabblickt und der unsere Probleme nur belächeln kann.


3 Antworten bisher, willst du etwas loswerden?

  1. Marco schrieb:

    Das liest sich verwirrter, als es sich in meinem Kopf angefühlt hat.

  2. Berlinmittebitch schrieb:

    Schwarzmalerei? Realismus? Absolutes unvorbereitet sein auf das was kommt?
    Theorieansätze wären jetzt glaube ich fehl am Platze… im Gegensatz zu Erfahrungserläuterungen.

    Etwas hinter sich zu lassen, was nach dem Entfernen eines Ortes nicht mehr vorhanden ist, ist um einiges einfacher als man eventuell denkt. Objektiverweise kann ich allerdings nicht sagen, dass sich ein Großteil deines Lebens auch wegbewegt und damit diesen Gedanken mit dir teilt und euch daher wieder verbindet und nicht vergessen lässt.
    Aber ist der Gedanke alleine zu sein, örtlich sowie gedanklich, schlimmer als das “dabeisein” ohne Mitwirkung zu haben oder Einfluss auf Geschehnisse nehmen zu können?



    JA!
    Also bleib bei den Gedanken die sich in deinem Kopf abspielen, aber vergiss niemals, dass du nur einer der Wenigen bist, die es auch aussprechen – keineswegs aber der Einzige der das denkt.

    Dein Herz und dein Kopf können unabhängig voneinander jeweils an unterschiedlichen Orten gleichzeitig sein – du musst es nur zulassen, und keinen stagnierenden Gedanken/Gefühls-Fluss vor dir herschieben.
    Handlungsfehler haben mir gezeigt, dass es keine positiven Züge annimmt sich an etwas fest zu klammern – es schiebt diese Art Trennung nur vor sich her. Für diese Art solltest du dir allerdings in deinem persönlich Denken und Handeln zu schade sein um niemals an etwas festhalten zu wollen was nicht mehr besteht.

    So far!

  3. M. schrieb:

    “Home is where the heart is”
    Es liest sich nicht verwirrt. Und du solltest wissen, dass ich das nicht ohne Tränen gelesen habe. “Dry your eyes”-The Streets… Ich weiß nicht, wieso ich das jetzt kommentiere, ich weiß es wirklich nicht, aber vielleicht weißt du es.

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