[Rede] Unser Handeln – unsere Zukunft. Eine Rede über die Auswirkungen des indirekten Nichthandelns.

Der folgende Text ist für den Deutschunterricht zweier mir sehr lieber Menschen von mir verfasst worden. Ich dachte mir, dass die Rede vielleicht ganz gut hier reinpasst; erwartet aber keinen ‘normalen’ Blog. Ist halt eine Rede.

Unser Handeln – unsere Zukunft. Eine Rede über die Auswirkungen des indirekten Nichthandelns.

 

Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler,

hattet ihr schon mal die Möglichkeit, Bungeejumping zu machen? Einen Ferrari zu fahren? Eurem Lieblingsprominenten die Hand zu schütteln?

 Die meisten von euch waren vermutlich noch nie in einer vergleichbaren Situation – verständlicherweise. Wann ergibt sich denn schon die Gelegenheit, derart spannende und seltene Dinge zu tun? Nicht allzu oft, werdet ihr vielleicht sagen. Aber warum ist das eigentlich so? In meiner Rede möchte ich euch einen Erklärungsansatz aufzeigen.

 Wer kennt das nicht? Es ist ein beliebiger Nachmittag in der Woche, eure beste Freundin oder euer bester Freund lädt euch dazu ein, in der Stadt etwas shoppen zu gehen, ein Eis zu essen, einfach im Park zu sitzen und etwas zu chillen. Klar habt ihr Lust, etwas zu unternehmen – dummerweise steht am nächsten Tag eine Mathematik-Klausur an. Jetzt ist guter Rat teuer – verpasst ihr die Gelegenheit, etwas wertvolle Zeit mit einer wichtigen Person zu verbringen oder riskiert ihr es, eine Klausur in den Sand zu setzen?  

 Eine Entscheidung steht an – ihr handelt. In dieser Situation ist es egal, wofür ihr euch entscheidet – euer Handeln impliziert automatisch das Nichtnutzen einer – oder in diesem Beispiel nur der – anderen Option. Entscheidet ihr euch dafür, zu lernen, verpasst ihr die Gelegenheit, eurer Freundin oder eurem Freund davon abzuraten, sich mit der Person zu treffen, die sie im Internet-Chat bei Jappy kennengelernt hat. Geht ihr mit eurer Freundin oder eurem Freund aus, schreibt ihr eine 5- in der Klausur und müsst deswegen die elfte Klasse wiederholen. Ich wiederhole mich gerne – eine Entscheidung steht an – doch woher nehmen, und nicht stehlen?

 Es ist, wie ich finde, ein interessanter Gedanke: viele Dinge, die uns im Leben widerfahren, sind dadurch induziert, dass wir etwas NICHT getan haben. Die Dinge, die ich am Anfang erwähnte – Bungeejumping, Ferrari, Lieblingspromi – scheinen anfangs etwas überspitzt gewählt. Aber wer weiß denn, ob genau solche Dinge nicht hinter der nächsten Straßenecke warten? Dinge, die uns einen Moment unglaublicher Schönheit schenken, Dinge, die uns eventuell sogar langfristig etwas bringen. Vielleicht bietet sich schon bei den trivialsten Dingen die Möglichkeit, etwas für unsere Zukunft mitzunehmen. Einen guten neuen Freund. Eine Ausbildung. Ein Stückchen Weisheit. Gewonnen dadurch, uns für eine scheinbar triviale Sache entschieden zu haben.

 Ist es nicht verrückt? Versuchen wir das ganze doch mal, wissenschaftlich zu betrachten. Zufälligerweise weiß ich, dass ihr alle im Mathematikunterricht schon die Stochastik behandelt habt. Stellt euch alle Entscheidungen, die ihr in eurem Leben schon getroffen habt, mal als Baumdiagramm vor. Fällt euch etwas auf? An jeder Verzweigung, an jedem Abschnitt gibt es eine ungenutzte Abzweigung. Das macht in eurem durchschnittlich schon 17 Jahre langen Leben ein Baumdiagramm, dessen Dimension man sich auf den ersten Blick gar nicht bewusst ist. Stellt euch vor, ihr hättet an der ersten Abzweigung den anderen Weg eingeschlagen. Euer komplettes Handeln, euer jetziges Ich, eure Zukunft wäre anders. Ihr hättet ein komplett anderes Leben geführt – nicht ein anderes Leben der Marke ‘Ich bin in einem anderen Land aufgewachsen, habe reiche Eltern und bin mit 17 ein Hollywoodstar.’ Ein anderes Leben, das sich dadurch auszeichnen würde, dass ihr exakt ALLES in eurem Leben genau anders gemacht hättet, als ihr es jetzt gemacht habt. Ein anderes Baumdiagramm. Andere Entscheidungen. Ein anderes Leben.

 Doch zurück zu der eigentlichen Frage: woher nehmen wir denn jetzt unsere Antwort, was zu tun ist?

Die Antwort ist so einfach wie banal – Nachdenken und vor allem Träumen helfen ungemein dabei, sich für eine Handlung zu entschließen. Macht es bei der nächsten Gelegenheit doch so: ihr wägt alle Vor- und Nachteile einer Entscheidung ganz rational ab – und entscheidet euch dann ganz bewusst für die andere Möglichkeit. Erdenkt, nein, erspinnt euch die verrücktesten Szenarien, was dann passieren kann, liebe Mitschüler! Und vielleicht – nur vielleicht – werdet auch ihr entdecken, dass man aus dem gewohnten Rahmen ausbrechen kann, nein, muss, um sich zu entwickeln.

 Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.


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