Abschied.

Wisst ihr, es ist komisch.
Ich sitze hier auf meinem Bett, ich trinke Volvic und höre Coldplay. Ich denke an all die Male, an denen ich die Schule und beinahe alles, was mit ihr zusammenhing, verflucht habe. Denke, daran, wie ich mich fühle, wenn ich mal wieder ohne erkenntlichen Grund einen halben Tag meines Lebens in der Schule verschwende. Etwas ist anders als sonst.

Ich war nie wirklich gern Schüler. Ehrlicherweise sollte ich sagen, dass ich es hasse wie die Pest, mich von Menschen befehligen zu lassen, die ich als leicht dümmlich bis grenzdebil einordne und denen ich auf der Straße normalerweise nicht einmal guten Tag sage. Ich hasste und hasse fast jede Stunde mit einer Passion, die ich selten aufbringe. Nüchtern betrachtet kommt selbst mir das seltsam vor, aber nun gut, so bin ich wohl. Etwas paradox, schon vom Kern auf. Ich werde die Schule als Institution, die Hierarchien schafft, deren Grundlage nicht die Intelligenz, sondern der Fleiß eines Menschen ist, sicher nicht vermissen. Und doch werde ich wehmütig, wenn ich daran denke, sie in einigen Wochen zu verlassen – für immer. Etwas ist anders als sonst.

Ich war schon immer gern ein Freund. Ehrlicherweise sollte ich sagen, dass ich es liebe, mich mit Menschen umgeben, mit denen mich positive Erinnerungen verbinden. Zeit mit einem Freund zu verbringen, Freundschaft im Allgemeinen ist ein kostbares Geschenk; in den letzten Tagen und Wochen wurde mir diese Tatsache immer mehr ins Bewusstsein gerückt. Sei es, dass man Angst hat, den versprochenen gemeinsamen Abend an der Oder nie mehr zu erleben. Sei es, dass man die leise Gewissheit in einem wächst, dass man keinen Kontakt halten wird. Sei es, dass man fürchtet, sich nie wieder in seinem Leben so sehr wohl zu fühlen, wie es in manchen Situationen mit manchen Menschen nun einmal der Fall ist. Oder sei es, dass man merkt, dass es wahrhaftig echte, tolle, unglaublich wertvolle Freunde gibt. Welche, die einem verzeihen können. Ich weiß nicht, ob man solche Freunde ersetzen kann. Ich weiß nur, dass ICH es nicht will. Ich denke oft und gerne an all die einzigartigen Momente, die mir mein Freundeskreis, jeder einzelne dieser Institution, schon beschert hat. Normalerweise ist das für mich eine Möglichkeit, durchzuatmen. Luft zu holen. Kraft zu schöpfen. Normalerweise ist es schön – doch heute zieht sich ein kleiner Stich durch meinen Bauch. Etwas ist anders als sonst.

Ich mochte Abschiede nie. Ehrlicherweise sollte ich sagen, dass ich mir im Leben wenig schlimmeres vorstellen kann, als Abschied zu nehmen. Der letzte dramatische Blick in die Augen, die Ungewissheit, wie man die letzten gemeinsamen WochenTageStundenMinutenSekundenAugenblicke zusammen verbringen sollte. Dieser Moment des ‘Lebe Wohls’. Er klingt nach so viel Kitsch, man schlägt sich jedwede Vorstellung dieses Moments im Voraus schnellstens aus dem Kopf, gefolgt von einem imaginären Kopfschütteln und ‘tssssss!’. Und wenn er dann da ist, ist er so… wirklich. Wirklich und wirklich brutal. Ich stelle mir oft vor, wie es sein wird, das letzte Mal ‘Lebe wohl’ zu sagen. Schwierig, mit wenig oder viel Worten, sicher ein bisschen peinlich. Kopfschütteln. Tssssss! Ganz verbannen kann ich die Vorstellung jedoch nie. Wie eine Made im Speck macht sie es sich in meinen Hirnwindungen gemütlich. Ich fühle mich infiziert. Etwas ist anders als sonst.

Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich sagen kann: ich liebe die Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Sei es mein wunderbares Mädchen, was viel mehr Worte verdient, als ich hier aufbringen möchte. Seien es meine Geschwister und der Rest meiner Familie. Seien es aber vor Allem auch meine Freunde. Ich kann es einfach nicht fassen, dass all die Dinge, die uns verbinden, all die hirnrissigen Aktionen, bald Geschichte sind, Erinnerungen an ein Kapitel meines Lebens, dem ich so viel Hingabe widmete, was ich doch während es aufgeschlagen war, ständig verfluchte und welches mir jetzt, wo die letzten Seiten beschrieben werden, bereits fehlt. Ich bin nicht – noch nicht – bereit, all diese Dinge aufzugeben. Ich klammere mich an Musik wie an einem Strohhalm, an den letzten Wochen wie an einem Seil, an aufgesetztem Lächeln und übertriebenen Witzen wie an einer Leiter. Ich habe Angst, im nächsten Kapitel keine Akteure zu entdecken, die mir gefallen. Meinen Text zu vergessen. Ich habe Angst, zu versagen.

Lasst mich euch sagen, was anders ist als sonst: zum ersten Mal seit Jahren bin ich bereit zu sagen: ‘Ich bin absolut zufrieden mit meinem Leben.’ Wirklich, wirklich glücklich. From the bottom of my heart.
Warum nur, warum muss all das jetzt enden?
Vielleicht, weil es ein Ende haben muss, um es in guter Erinnerung zu wahren. In Ehren. Vielleicht, weil wir uns alle auf eine Reise begeben, deren wahres Ziel noch ungewiss ist, seit so vielen Jahrtausenden schon. Vielleicht weil einer von uns derjenige sein wird, der dort ankommt, an diesem Ziel. Dieses Leben ist etwas verrücktes. Vielleicht müssen wir einfach nur raus und es leben, ganz ohne Angst und Zweifel. Vielleicht gehören sie, Angst und Zweifel, aber auch dazu, so wie diese unbändige Trauer, die mich manchmal umfängt, wenn ich zurückdenke. Ich weiß es nicht genau, aber eins weiß ich genau: wir alle müssen zumindest versuchen, jenes verrückte Leben voll ungelöster Rätsel einfach zu nutzen, jeder so, wie er es kann.

Ach, eins weiß ich noch. Ihr werdet mir fehlen, Freunde. Der hier ist für euch.


2 Antworten bisher, willst du etwas loswerden?

  1. Franzi schrieb:

    Hab tränen in den Augen, ungefähr das ging mir auch durch den Kopf, gestern. Schön geschrieben, Atze Marco. :)

  2. Schwarzzuweiss schrieb:

    scheiße, ich hab auch tränen in den augen…. also ich kenn dich ja (leider) nicht, aber ich muss sagen, als ich mich in die weiten des world wide web 2.0 aufgemacht hab um blogs/menschen zu finden, die ähnliche gedanken und ähnliche leidenschaften haben wie ich, da hab ich nicht ernsthaft geglaubt dass ich die auch finde. ich muss sagen, wie du schreibst, berührt mich einfach ungemein. mir ist grad ganz warm, mein herz klopft und in meine wangen schießt die röte, und ich weiß nicht mal wieso^^. in dem vergleich zu dem hier kommt mir mein eigen geschriebenes total schäbig und kaputt vor. du kannst unglaublich gut schreiben , unglaublich – berührend einfach. gott, ich zittere :D:D vielleicht spinne ich gerade auch aber, … naja . ich finde du solltest es wissen.:)

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